7. August 2008

Kindererziehung ohne Worte

Kategorie: Zugbegleiter — Bastian @ 8:11

Ich mag Kinder. Wirklich. Aber nicht alle. Es gibt da so ein Alter, da sie sind die lieben kleinen nervig. Da wissen sie genau, dass die konsequente Frage “Warum?” einfach jeden zu einem Wrack macht. Und genau das scheint in dieser besagten Lebensphase das Ziel zu sein. Bei Jungs ist dieses Alter so zwischen 5 und 6, bei Mädchen glaub ich etwas eher. In dieser Phase wird dann aus den lieben Kleinen über ein Nacht ein anderes Wesen – ein Quälgeist.

Ein Quälgeist kann in der Regel nur noch getoppt werden durch Vervielfachung. Nicht umsonst sind Kindergartengruppen im Regionalexpress nerviger als ne Blaskapelle im Schlafzimmer. Und deswegen war es dann auch besonders schön, dass am Bahnsteig gleich zwei kleine Quälgeister mit dem dazugehörigen Aufsichtspersonal standen. Sagte ich “standen”? Es war wohl mehr ein “präsentierten”. Und zwar von ihrer allerbesten Sorte. Es waren zwei kleine Jungs, so um die 6 Jahre alt, feister Körperbau und einem Benehmen, das jeden anderen anschrie mit den Worten “Hoppla, hier komm ich”. Fehlten eigentlich nur noch T-Shirts mit der Aufschrift “Mamis feister Liebling”.


Wie es sich für männliche Quälgeister gehört, waren die zwei voll und ganz damit ausgelastet, sich und ihren Eltern das Leben zur Hölle zu machen. Da wurde zwischen den wartenden Personen Fangen gespielt, geboxt, getreten und geschubst. An den Eltern gezerrt und gezogen, stets um Aufmerksamkeit heischend. Das besondere war, dass die Eltern sich nicht normal unterhielten, sondern gebärdeten. In Zeichensprache wurde da ein angeregtes Gespräch geführt und hin und wieder ermahnte der Vater die Kleinen mit mahnendem Zeigefinger zur Ordnung.

Aber irgendwann war es der Mutter zu bunt. Sie packte die zwei kleinen Wonneproppen an den Armen, zog sie vor sich und gebärdete wie eine Wahnsinnige. Ich hab zwar kein Wort verstanden, aber es war eine Gardinenpredigt, die sich wohl gewaschen hatte. Selbst der Vater fühlte sich scheinbar angesprochen, denn auch er schaute eher ermahnt als ermahnend. Die Mutter bewegte beide Arme in einer Affengeschwindigkeit, da wäre jeder Börsenmakler auf dem Frankfurter Parkett schwindlig geworden. Die zwei kleinen Quälgeister wagten es nicht, sich zu rühren. Die gesenkten Köpfe bewegten sie nur, um enthusiastisch zuzustimmen oder beschämt zu verneinen. Als die Mutter dann fertig war, ging der eine an Papas Hand, der andere an Mamas und als dann die S-Bahn kam, waren aus zwei kleinen Quälgeistern kleine Engel geworden. Als ich in Langenfeld ausstieg, saß die ganze Familie immer noch da, die Eltern unterhielten sich angeregt und die zwei kleinen schauten ganz lieb aus dem Fenster, als könnten sie kein Wässerchen trüben.

Das erreichen die meisten Eltern noch nicht mal mit Geschrei und Androhung von PlayStation-Verbot.

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